Sonntag, 4. November 2012

Da ich momentan den Eindruck habe, dass virtuelle Welten sehr lebendig sind, hier nochmal ein Text vom Juli 2011...

...und ich stelle fest, wir sind immer noch da. Aktiver als jemals zuvor, nebenbei bemerkt.



Der Witz dabei ist: Während ich diese Zeilen schreibe, schlürfe ich einen Cappuccino und sehe dabei real noch cooler aus als mein zigarrequalmender Avatar in SL.
Vorgestern bin ich irgendwo mal wieder auf einen dieser stumpfsinnigen sehr klischeebelasteten Kommentare über virtuelle Welten gestossen. Konzerte, Lesungen, Cons gern, aber bitte nicht virtuell, alles immer nur in echt. Wunderbar. Dann sollte man konsquenterweise auch Radio, Fernsehen und Kino meiden, denn auch das dort gebotene Programm ist rein virtuell und Telefongespräche gelten natürlich erst recht nicht, ist der Gesprächspartner doch gar nicht am selben Ort.
Es ist weniger, die Abneigung gegen virtuelle Welten, die mich dabei stört. Es ist mehr die Arroganz und die Borniertheit mit der sie vorgetragen wird, um mit zustimmendem Kopfnicken oder Schulterklopfen von einem Personenkreis aufgenommen zu werden, der selbst nie ausprobiert hat, worum es geht - oder dem die Grafik beim Cybersex zu schlecht war.
Wer mich oder einen unserer Gastautoren lesen hört, der hört uns so, wie wir wirklich sind, eventuell sogar noch authentischer als auf einer Bühne, während wir in Schlappen hinterm Mikro hocken und aus dem Wohnzimmer ins Metaversum streamen. Das hat seine Existenzberechtigung genau wie alle anderen Medien. Es ist  momentan sehr trendy, sich zu produzieren, in dem man die Nutzer virtueller Welten als Realitätseskapisten abkanzelt, ohne sich auch nur kurz damit zu befassen, was sie da eigentlich tun.
Ich bin kein Realitätseskapist. Mein Avatar trägt meinen Namen, er sieht mir sogar sehr ähnlich, nur dass ich real natürlich noch besser aussehe. Ich bin nicht im Metaversum, weil ich gern ein Haus hätte, ich habe eines. Ich bin nicht im Metaversum, weil ich gern ein tolles Auto hätte, denn auch das besitze ich und fahren im Metaversum macht auch gar keinen Spaß. Ich bin auch nicht im Metaversum, weil ich keinen realen Job habe. Den habe ich nämlich ebenfalls und er sorgt dafür, dass ich immer schön in der Wirklichkeit verwurzelt bleibe.Und das ist gut so.
Alles was ich in der virtuellen Welt tue, tue ich auch in der realen Welt. Ich mache keine virtuellen Lesungen, weil ich mich in echt nicht traue. Ich traue mich. Und das auch vor Publikum, das zahlreicher war als die 50 Maximalbesucher bei einem SL Event.
Beides macht Sinn, beides macht Spaß und in der Kombination beider Seiten der Realität - der greifbaren und der des Metaversums -  liegt der Schlüssel zu neuen Möglichkeiten.  Was für Möglichkeiten das sein sollen? Events zum Beispiel, an denen man teilnehmen kann, obwohl man nicht wirklich vor Ort sein kann. Lesungen sind da nur eine Möglichkeit, eine, die mir - zugegeben - besonders viel Spaß macht.
Ihr habt keinen Bock aufs Metaversum? Na aber das ist doch völlig okay. Finde ich absolut in Ordnung. Aber versucht bitte nicht dafür irgendwelche rationalen Argumente zu erfinden, die keine sind und allenfalls auf breit getretenen Klischees basieren und darauf abzielen, jeden Fan virtueller Welten als kommunikationsgestörten Soziopathen abzustempeln. Erst probieren und dann urteilen.
OpenSim und SecondLife sind nicht die Zukunft. Aber sie zeigen in welche Richtung das weiße Kanichen rennt. Einen Hybrid aus SL, Browser und Augmented Reality.Man stelle sich vor, die Nutzung des Telefons wäre aufgrund ähnlicher Argumente verweigert worden, wie es momentan bei virtuellen Welten der Fall ist:
"Och ne, man sieht die ja gar nicht, wer weiss, ob die das wirklich sind.  Eventuell meinen die gar nicht, was sie am Telefon sagen. Wenn man telefoniert, statt hinzugehen, schrumpfen die Beine..."
Unter uns: Ich gebe gern ganz diskret Tipps und verrate auch keinem, dass ihr es probiert habt. Vielleicht sieht man sich ja mal...virtuell...

1 Kommentar:

  1. Das Jahr geht langsam zu Ende, die Tage werden kürzer und kühler und mir scheint es, als ob die Missionare wieder vermehrt unterwegs sind. Ich persönlich bleibe im Großen und Ganzen davon verschont, obwohl ich als Avatar vielleicht nicht so gut aussehe wie Du, lieber Kueper (obwohl ich meiner Meinung nach mindestens genauso gut aussehe). Du weisst ja auch, dass in Deutschland auf einen Erfolgeichen mindestens eintausend Neider kommen.
    Gestern ist mir aber ähnliches widerfahren. Ich habe mit einer guten alten Bekannten geskypt (fürchterliches Wort) und wir kamn irgendwie auf das Thema der Virtuellen Welten zu sprechen. Auf die Frage hin, was wir denn dort so treiben, erklärte ich ihr die ganze Bandbreite der Möglichkeiten, die wir dort haben. Auch im kulturellen Bereich. Sie hatte die Webcam in Betrieb und ich sah ein gewisses Unverständnis in ihren Augen. Künstler, die als Avatar auf einer Bühne stehen, die zu Hause sitzen und aus ihren Werken vorlesen - von alldem hatte sie noch nie gehört und es schien ihr, mangels Wissen, irgendwie seltsam zu sein. Ich muss erwähnen, dass sie eine ausgebildete Pianistin im Bereich der "ernsten" Musik ist und schon einige Konzerte begleitet hat. Ja, und da war es wieder, dieser unmerkliche verräterische Blick in ihren Augen. Das es ja ganz nett ist, was die da in SL machen aber so richtige Kunst gibt es nur in RL, in einem würdigen Rahmen versteht sich.
    Es ist so, wie Du es schon auch während Deiner Lesung beim Spaceport Cologne erwähnt hast. Es gibt Elfenbeintürme nebst Bewohnern/innen. Ich nehme es ihr nicht übel, sie hat ihre Welt und ich habe meine zwei Welten, die sich sehr gut ergänzen. Beim nächsten Telefonat werde ich ihr erklären, wie sie sich in SL einloggen kann und das mit der Technik (Mikro etc.) bekomme ich auch noch auf die Reihe, sofern sie in der Schweiz schnelle Internetverbindungen haben. Wollen wir doch mal sehen - oder besser gesagt: hören!

    Lieben Gruß von einem weiterhin optimistischen Pom

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