Samstag, 10. November 2012

Warum noch bloggen? Sinnfrage anno 2012...

Wir Blogger kennen ihn, diesen schräg irritierten Blick unter gerunzelter Stirn, wenn wir den Fehler machen mit Pseudo-Onlinern –  (gemeint sind Personen, die statistisch alle drei Wochen einloggen,  um nach 2 Monaten ihre Mails mal wieder zu checken, eine Kiste Wein bei einem dubiosen online Versand zu bestellen (und sich dabei ein Abo einzufangen) , oder beim Betrachten von drei oder vier Katzenfotos festzustellen: „Schon toll dieses Internet“, bevor sie den Computer für die nächsten sechs Wochen ausschalten) - , über unsere Blogs zu sprechen.
 „Ach, du schreibst dann so ins Internet rein?“, wird dann gefragt. Es folgt ein lang gezogenes „Ah Ja…“ (ja, sehr ähnlich dem  SecondLife Ah Jaa)  umrahmt von jenem skeptischen „Zu viel Freizeit, der Bursche“-Gesichtsausdruck, den ich in den letzten Jahren so lieben gelernt habe.
Solche Gesprächspartner klinken sich am Ende dieser Gesprächsphase mental aus der Konversation aus, nachdem sie uns in ihrer persönlichen Bekanntschaften-Kartei als „befremdlicher Spinner“ abgeheftet haben.  Den Terminus  „Nerd“ kennen sie nämlich gar nicht.
Mit dieser Art von Unverständnis kann man ganz gut leben, wenn es vielleicht auch etwas betrüblich ist, dass selbst Freunde, Bekannte oder Kollegen keinen blassen Schimmer haben, was wir da tun und es auch gar nicht wissen wollen. Ganz übel wird es, wenn zusätzlich schlecht auswendig gelernte Zitate aus einem Artikel über Internetsucht abgesondert werden, den man in der Tageszeitung oder dem Apothekenblättchen quergelesen hat.
Man kann damit leben, kein großes Drama.  Fast lebensbedrohlich dagegen der neuste Trend in unserem schönen Land:
Derzeit rollt die nächste große Abzockwelle durchs Web und sie zeitigt Wirkung.
Blogger entfernen Bildmaterial und Videos, einige haben ihre Weblogs sogar komplett aus dem Netz genommen, entweder durch die Möglichkeit existentiell bedrohlicher Geldforderungen eingeschüchtert  oder aus blanker Frustration. Nicht-Bloggern hat sich der Sinn unserer online-Tagebücher  sowieso nie offenbart und sie zucken desinteressiert mit den Schultern. Schlimmer noch die offen zur Schau gestellte Schadenfreude auf Seiten der klassischen Medien aber auch beim offline Bürger:
Endlich, das haben die Typen von ihrem unprofessionellen Geschreibsel. Könnten doch auch einfach nur die Fresse am Stammtisch aufreißen wie der Rest von uns.  Hat doch eh nie irgendeinen Sinn gehabt und man verdient doch auch nix damit!
Geld, genau darum geht es hier. Nur eben in der Regel nicht uns Bloggern!
Bleibt die Frage, warum wir es also tun? Warum zum Teufel bloggen wir? Sind wir mediale Aufmerksamkeitstäter? Mag sein, aber dahinter steckt noch mehr:
Wir bloggen, weil wir das Gefühl haben, uns artikulieren zu müssen, weil wir Meinungen haben, die wir nicht nur äußern sondern auch begründen, oder auf denen wir zumindest laut polternd beharren möchten. 
Wir bloggen, weil es uns ein tiefes Bedürfnis ist, uns mitzuteilen, der Welt zu sagen, was wir an ihr schätzen und was nicht.
Wir bloggen, weil wir zeigen wollen, was uns beeindruckt hat und das tun wir aus Respekt vor Künstlern, Kreativen und Denkern, deren Namen wir als Schöpfer ihrer Werke stets ehrfurchtsvoll nennen. (Genau dieses Mitteilungsbedürfnis wird vielen von uns derzeit zum Verhängnis.)
Wir bloggen, weil wir eigene Ideen haben, die wir vorzeigen wollen, weil es sonst keiner tun würde, wenn nicht wir selbst. 
Wir tun es auch aber auch weil wir mit unseren Blogs etwas Eigenes schaffen:
Eine Autobiographie nämlich im Kontext der Zeit, in der wir leben und die uns prägt. Auf die wir aber eben durch unsere Blogs, durch die Art, in der wir Dinge sehen, die Weise wie wir schreiben, selbst eine Wirkung ausüben können. Bloggen funktioniert nämlich in beide Richtungen. Wir holen uns Input, produzieren aber mindestens genau soviel Output.
Der wahre Wert eines Blogs erweist sich erst in der Rückschau auf unsere ganz persönliche Geschichte, die manche von uns in Weblogform dokumentiert haben.
Nachdem wir fast ein Jahrzehnt so schreiben, posten und veröffentlichen  konnten, wie es in einem demokratischen Staat mit Recht auf freier Berichterstattung selbstverständlich sein sollte, hat sich die Situation für uns geändert.
Dafür dass wir Bilder und Videos viral weiterverbreiten, dass wir Werbearbeit leisten, die effizienter ist, als teure Marketingkonzepte, werden wir nun abgestraft. Auf Blogger wird ein juristisches Mittel angewendet, das nie für den Einsatz gegen Privatpersonen vorgesehen war und dessen Wirkung umso verheerender ist, wenn es den kleinen Blogposter von nebenan trifft.
Falsches Bild im Blog online gestellt? Sag Hallo zur Privatinsolvenz. 
Den Gesetzgeber kümmert das wenig. Die eifrig praktizierte Abmahnkultur bewirkt eine Selbst-Zensur der Blog-Szene und das nicht einmal unter dem fadenscheinigen Vorwand eine politische Ideologie wie die Chinas oder des Irans vor bösen Freidenkern schützen zu müssen. Es geht um den reinen Profit.
Steckt dahinter nur die Scheiß-Egal-Mentalität der Politiker, oder kommt es ihnen durchaus gelegen, wenn sich die Bloggergemeinde durch ein simples juristisches Mittel soweit einschüchtern lässt? Dass viele von ihnen freiwillig die eigene Internetpräsenz löschen und endlich die Schnauze halten.
Das ist die Situation der Blogosphäre im Jahr 2012.
Deutschland hat es wirklich geschafft, die cleverste Zensur der Welt zu entwickeln. Sie ist nicht nur effektiv, sie ist auch noch lukrativ.
Danke dafür, liebe Politiker, denn das ist allein euer Verdienst.  
Hören wir deswegen mit dem Bloggen auf?
Dazu besteht doch gar kein Grund. Ideen waren bei vielen von uns nie Mangelware. Nutzen wir die Situation als Anreiz zum Umdenken  für ein  neues Bloggen. Anders als bisher. Widmen wir uns weniger der Kreativität des Mainstreams, als der eigenen. Von der Blogmaschinerie haben selten die Blogger aber immer die profitiert, über die wir geschrieben haben. Das wird nicht mehr gewünscht, also lassen wir es einfach bleiben. Wir selbst sind doch eigentlich spannend genug.
Ich bin dann mal bloggen.

Kommentare:

  1. Jups, gut gebrüllt Löwe! Bitte um kurze verlinkung zu meinem Artikel warum wir bloggen. Ich denke mal das es wichtig ist, diese Meinungen zu vernetzen.

    http://fenrirxxl.blogspot.de/2012/11/blogger-und-die-angst.html

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  2. Wat musste auch so deftig eigensinnig bloggen? Kannste nicht nen normalen Marktblog aufmachen, wie meisten anderen? Gucken, wie de Kohle damit rein schaufelst? Wenn de schon so eigens Zeugs raus hängst und nich klaust? Und nich mal abmahnst, wenn man von dir klaut? Nachher, - suchste mir glatt noch nen janz unökonomischen Sinn darin? Irgendwat jeben, - und nix dafür wollen? Dat ist verdächtig. Dat jibt einen Eintrach in meine blogrolle. Selber schuld.

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