Dienstag, 21. Mai 2013

Theater goes Cyberpunk - #Cyberleiber


Wirklich umgehen konnte das große Theater mit der Popkultur ja noch nie – (wenn sie es versuchen, kommen dabei nur Musicals heraus, die von Jahr zu Jahr  lächerlicher werden. Wann muss ich mit einem steppenden Rambo rechnen?)  -  und über Science Fiction rümpft die selbsternannte Kulturelite traditionell pflichtbewusst die Nase.
Theater, das ist für mich, ich muss gestehen, wild gestikulierende kreischende nackte Frauen, die im Kreis rennen  und irgendein androgyner Dickwanst im Pelzmantel singt dazu eine Arie, in der er gezielt jeden richtigen Ton vermeidet. Später zeigt sich das 2 Stunden vom Ensemble drangsalierte Publikum nach einem Applaus -  der nichts weiter als ein Ausdruck der Erleichterung ist – mit dem erlösten Gesichtsausdruck gerade befreiter Geiseln im Foyer. Dort möchte man am liebsten mit der Eintrittskarte winken und am besten noch ein großes Banner hochhalten auf dem „Ja, wir interessieren uns für Kultur!“ steht und „Bitte beachten sie mein Abendkleid.“
Irgendjemand faselt was von fabelhafter Inszenierung, obwohl niemand begriffen hat, worum es eigentlich ging und ob die Frau, die auf der Atombombe masturbiert hat, Mutter Courage, Gretchen oder eine pornografische weibliche Variation von Godot war.
Der Regisseur bringt das pomadisierte nur auf der linken Flanke lange Haar mit einem eitlen Ruck des hageren Schädels zurück in Form, rückt die Hornbrille zurecht und erklärt: „Das ist eine faszinierende Frage, die sie nur für sich selbst beantworten können.“
Ich denke, er weiß es selbst nicht.
Ja, ich muss es zugeben. Theater ist nicht richtig meins. Eigentlich gar nicht. Wobei es natürlich auch Ausnahmen geben könnte, aber sie sind selten.
Jetzt geschieht etwas Unerwartetes:
Am Theater Dortmund greift man den großen Themenkomplex Digitale Gesellschaft und Transhumanismus auf, denn auf der großen Bühne dürfen wir ab Donnerstag, dem 6. Juni die „Cyberleiber“ erleben.
Kurz gesagt: Das Theater Dortmund goes Cyberpunk. Irgendwie.
Ja ja, er wollte mir bereits über die Lippen kommen, einer meiner liebsten Sätze: Warum fragen sie nicht einfach jemanden, der sich damit auskennt? Doch das haben sie getan.
Der Chaostreff Dortmund wird für vier Tage das Rangfoyer des Theaters besetzen.
Und sie haben ein Blog! Sogar eines, das aktualisiert wird. Dort findet man noch wesentlich mehr Informationen über die beteiligten Künstler.
Das Programm kündigt Installationen, Performances, Diskussionsrunden und – da horchen wir auf – eine Bühnenversion von Fassbinders  „Welt am Draht“ an. Letztere scheint mir  mindestens einen Besuch des Festivals wert. Als gebranntes Kind bin ich natürlich nur zögerlich enthusiastisch, aber selbstverständlich völlig offen für neue Erfahrungen.
Den Terminus Cyber spricht man im offiziellen Programm gern und häufig, von Cyberpunk scheint man allerdings noch nie etwas gehört zu haben.
Ganz klar, da hätte ich mir schon – man verzeihe mir in diesem Kontext die Metapher – ein Interface zur aktuellen, räumlich benachbarten Science Fiction Szene gewünscht, denn im Ruhrpott verstehen wir was von Cyberpunk.
Ein wenig Schmunzeln musste ich natürlich auch.
 Theater im Cyberspace, das habe ich selbst schon 2009 gemacht, als ich meine Story „Project 38“ in SecondLife auf die Bühne gebracht habe. Ich bin meiner Zeit also mal wieder weit voraus.
Trotzdem: Ich denke, ich werde den Cyberleibern mindestens einen Besuch abstatten, natürlich in der Hoffnung, endlich so etwas wie eine deutsche Antwort aufs holländische Gogbot vorzufinden, das ich seit 2008 kein einziges Mal verpasst habe.
Mein Interesse ist jedenfalls geweckt.

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