Dienstag, 18. Juni 2013

Lesungen gingen auch schon früher schief: Historisches Blogposting vom 18.Juli 2005...

Drüben im Sf-Netzwerk wird noch etwas über die Nova Lesung am letzten Wochenende diskutiert. Das erinnert mich daran, dass ich etwas aus dem Archiv suchen wollte. 
Dieser Text hat schon einige Jahre auf dem Buckel. Acht um genau zu sein. Im Jahr 2005 unternahmen Armin Rössler und ich den gewagten Versuch, auf einem Jedi-Con zu lesen. Ein wahres Abenteuer, bei dem wir unsere Reputation als Autoren ganz bewusst aufs Spiel gesetzt haben - und scheiterten.
Das Wochenende fand ich trotzdem klasse. 

Wir waren uns der Aussichtslosigkeit unserer Aktion durchaus bewusst. Trotzdem hegten wir gewisse Hoffnungen, dass unsere Mission vielleicht doch von Erfolg gekrönt sein würde. Und sei es nur ein kleiner. Ein schmaler Leuchtstreifen am Horizont der deutschen Literaturszene, der uns beweist: Da ist noch Hoffnung. Es gibt potentielle Leser dort draußen.
Doch nach zwei Tagen auf dem Darksidecon in Witten steht für uns nun fest: Wir sind gescheitert!
Star Wars Fans können oder wollen nicht nur nicht lesen, wenn es um Literatur außerhalb des Serienuniversums geht, sie sind auch nicht bereit zuzuhören, selbst wenn man ihnen eine Kurzgeschichte vorlesen will. Ich schreibe dies ganz ohne Vorwurf mit einem gütigen Schmunzeln, denn schließlich war mir das schon vorher klar.
Dass wir, Armin Rössler, Bernhard Weißbecker und meine Wenigkeit mit unserem literarischen Programmpunkt auf dem Mediacon deplatziert sind, zeigt sich deutlich schon bei unserer ersten Veranstaltung am späten Freitagabend. Angesetzt für 21.30 Uhr sicherlich nicht optimal im Programm positioniert. Noch hoffen wir, dass das spärliche – besser gesagt nicht vorhandene – Interesse an unserer SF-Lesung mit der späten Tageszeit zu tun hat. Immerhin verirren sich doch noch vier Zuhörer in den Saal, die uns zum kleinen Teil aus Interesse zum überwiegenden Teil eher aus Mitleid Gesellschaft leisteten. Eines vorweg: Obwohl nicht ganz freiwillig anwesend ein dankbares Publikum, für das zu lesen viel Spaß gemacht hat.
Am Samstagmittag kehre ich mit der eher schwachen Hoffnung zurück, dass sich um 12.30 Uhr etwas mehr Zuhörer im Studio1 der Wittener Werkstadt einfinden werden. Dort hält zunächst Rusty Goffe, seines Zeichens Darsteller eines Javas und diverser Roboter sein Panel ab. Der kleinwüchsige aber dafür umso charismatischere Schauspieler versteht das Publikum zu fesseln mit Plaudereien aus dem Nähkästchen diverser Filmdrehs wie Star Wars oder Willow. Besonders amüsant sind Backgroundinfomationen über seine Mitarbeit an Harry Potter. Fünf Tage lang musste er jeden Morgen um 5 Uhr am Drehort erscheinen, dort eine fünfstündige Makeup-Prozedur über sich ergehen lassen und dann bis spät Abends ausharren. Viel Aufwand dafür, dass er später gerade fünf Sekunden im Film zu sehen ist.
Immerhin hat der Darsteller ein gutes Dutzend Interessierter um sich scharen können. Armins und meine Strategie ist es, genau dieses Publikum für unsere unmittelbar darauf folgende Lesung festzuhalten. Doch Armins Ankündigung unseres nun folgenden literarischen Intermezzos hinterlässt in den Gesichtern der Anwesenden so tiefe Betroffenheit, dass er mit einem leisen Seufzen hinzufügt. „Ihr müsst nicht bleiben.“ Erleichtertes Keuchen ist zu hören, Laserschwerter, bereits für den Befreiungskampf gezückt, werden deaktiviert. Als die ersten Jedis das nun für die Filmfans zur Kammer des Schreckens gewordene Studio1 fluchartig verlassen, schließen sich ungeniert auch die restlichen Anwesenden an - selbstverständlich nicht ahnend, was sie da gerade verpassen.
Unsere zweite Lesung, die hiermit beendet ist, bevor sie beginnt.
Bis zur dritten Lesung um 19.30 Uhr bleibt mir nun jede Menge Zeit, um Conatmosphäre zu schnuppern. Konsumbereit schlendere ich zwischen einem guten Dutzend Ständen herum, werfe begehrliche Blicke auf Star Wars-Figuren und kaufe mir beinahe einen Chewbacca dem eine winzige Version des 3D-Schachspieles aus Teil 1 beiliegt. Doch irgendwie habe ich mein Erwachsensein noch nicht überwunden und lasse das Portemonaie stecken. Dafür kann ich gemeinsam mit Bernhard ein sehr interessantes Gespräch mit dem Macher der „Kriegerherzen“ führen. Einem Fantasyfilm, der von einer ziemlich ambitionierten Truppe erstaunlich professionell auf verschiedenen Burgen in der Umgebung von Siegen gedreht wurde. Am Abend vorher hatte ich mich bereits mit Ralf Schuster, Hauptdarsteller und Macher bei den „Kindern der Nacht“ unterhalten können. Die beweisen, dass es möglich ist sowas wie „Blade“ oder „Underworld“ auch mitten im Ruhrpott zu inszenieren. Was ich an Ausschnitten sah, hebt sich schon deutlich von reinem Amateurtrash ab, noch dazu spielen Gaststars wie Bela B mit.
Mein Hauptaugenmerk gilt natürlich den zahlreichen angereisten Hobbyjedis, die auf dem Con auf ihren schllimmsten Gegner in Gestalt weiß gepanzerter Sturmtruppen und eines unter der Maske erschreckend milchgesichtigen Darth Vader treffen. Scharmützel bleiben aus, statt dessen kippt man Seite an Seite fachsimpelnd Weizenbierchen oder mampft Brühwürstchen. Ich hätte einiges für ein Lasergefecht zwischen Bierstand und Würstchenbude gegeben, werde jedoch enttäuscht. Dafür erfülle ich mir einen Jugendtraum und lasse mich von Sturmtruppen verhaften. Schönen Dank an die beiden Herren von der 501sten, die bei der kleinen Insznierung mitmachen und mich stilgerechet abführen. Armin und Bernhard halten die Aktion mit ihren Kameras fest, ich freue mich bereits jetzt auf die Schnappschüsse. Hatte ich eigentlich schon mal erwähnt, dass kueperpunk auf zwöf Sternen zum Tode verurteilt ist?
Ein ganz besonderer Hit sind unter den Jedis übrigens die authentischen Lichtschwerter, die wie ihre Vorbilder leuchten und beim Einschalten das entsprechende Geräusch von sich geben. 200 € kostet so ein Kunstwerk.
Nebenbei haben sich auch noch ein sehr realistischer Klingone und Conans Bruder – mit einer ausgepägten Vorliebe für Weizenbier - auf den Con verirrt, später tauchen auch noch einige Uruk Hai auf, die statt zu morden und meucheln lieber vor der Kamera posieren.
Manch ein Kostümierter verzichtet für ein authentischeres Auftreten sogar auf wichtige Utensilien. Auf und ab paradierende Jedis mit seltsam zusammengekniffenen Augen haben die Brille lieber im Etui gelassen. Anscheinend ist die Macht wirklich mit ihnen, denn keiner rennt gegen den Würstchenstand. Ach ja…und einer der Con-Macher renntt zu fortgeschrittener Stunde in einer Uniform herum, die ich keinem SF-Film zuordnen kann, die aber sehr der eines Stewards vom Traumschiff gleicht. Er wollte übrigens ums Verrecken nicht zur Lesung bleiben. Argumente: „Lesen kann ich selber und zuhören will ich nicht“. Ah ja, jetzt hab ichs: Nicht Traumschiff, Loveboat, es ist die Uniform eines Loveboat-Stewards gewesen!
Dann sind da natürlich noch die Stargäste. Ich mag sie nicht alle der Reihe nach aufzählen. Darunter befinden sich das Stand In Model von Hayden Christiansen, eine sehr hübsch anzuschauende Jedirittern, mehrere Puppenspieler, natürlich Rusty Goffe und ein 2,10 m großer Hüne – eigentlich Basketballspieler – der den Wookie General in Episode III spielt.
Auf ihre Anwesenheit in einem kleinen Nebenraum werde ich erst aufmerksam, als ich durchs Fenster spähe. Ein drahtiger, freundlich dreinschauender Bursche bemerkt mich, winkt mir zu, deutet auf ein Bild von dem kleinen blauen Elefanten, der in „Rückkehr der Jediritter“ in der Band mitspielt und ruft mir zu „that`s me“. Aha, interessant. Mit welchem Teil seines Körpers er welchen Teil des Elefanten kontrollierte, demonstiert er mir zu meiner Erleichertung nicht. Ich traue mich auch nicht zu den Stargästen rein. Ehrlich gesagt fürchte ich , von dem riesigen Wookie-Darsteller dazu gezwungen zu werden jedem ein Autogramm abzukaufen – für 15 Euro pro Stück.
Nein, Geld lasse ich keines auf dem Convention und bin damit wahrscheinlich der Albtraum jedes Händlers. Ich nehme an, die kennen mich schon von diversen anderen Cons und flüstern mittlerweile: „Was will er denn hier, kauft doch eh nix.“ „Ne, der liest immer nur.“
Apropos: Da steht ja noch eine Lesung aus, oder?
Was soll ich viele Worte drum machen? Trotz verzweifelter PR-Aktionen, trotz persönlichen Ansprechens jedes Con-Besuchers, trotz Bitten und Betteln und kurzzeitigen Spiels mit dem Gedanken, Conans Bruder als Söldner zu mieten, der uns Zuhörer ins Studio 1 prügelt, bleiben die Reihen leer. Allein unser Publikum von der ersten Lesung ist wieder mit dabei. So wird es ein kleiner, ganz gemütlicher Vortrag im privaten Rahmen.
Ärgern tut sich trotzdem keiner von uns. Auf einem Star Wars Con zu lesen war von vornherein ein Experiment. Spaß hatten wir trotzdem und um mehr geht es gar nicht.
Was bleibt da noch zu sagen? Ah ja!
Möge die Macht mit euch sein und ab und zu vielleicht mal ein Buch ohne X-Wing-Fighter auf dem Cover…

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