Sonntag, 9. Juni 2013

Update #Cyberleiber: "Welt am Draht" - Virtual Reality meets Theater...

Wir haben uns heute Abend mal was Ungewöhnliches gegönnt: Einen Theaterbesuch. Richtig. Eins auf der echten Holzbühne, in diesem Fall die des Schauspiels Dortmund. Angelockt von einem Stück, dessen Titel insbesondere Fans des Science Fiction Genres, vor allem aber Cyberpunks aufhorchen lässt. „Welt am Draht“.
1964 erschien Daniel F. Galouyes Roman Simulacron als Goldmann Weltraum Taschenbuch. Rund zehn Jahre später inszenierte Rainer Werner Fassbinder seine Interpretation als Fernsehfilm für die ARD. Danach geriet die Verfilmung mehr oder weniger in Vergessenheit und war allenfalls Genrefans bekannt. Immerhin hatte Fassbinder, den man mit Science Fiction kaum in Verbindung gebracht hätte – obwohl er sich dem Genre in den Achtzigern mit „Kamikaze 1989“ noch mal zuwandte – die Grundidee des erfolgreichen Blockbusters „Matrix“ vorweggenommen und eine um einiges tiefgründigere Umsetzung abgeliefert.
Es dürfte überflüssig sein, die Handlung von „Welt am Draht“ hier noch mal zu skizzieren. Grob komprimiert: Bewohner einer virtuellen Welt erkennt seine elektronische Puppenstube als solche und versucht zu entkommen. 
Ich habe mich vorher gefragt, wie eine Bühnenrumsetzung dieses Stoffes aussehen könnte. Mental war ich gewappnet für eine dialoglastige und langatmige Tragödie, die vor allem mit der Surrealität des Szenarios spielt und Zuschauer ohne Vorwissen um die zugrunde liegende Story ziemlich ratlos zurücklassen wird.
Da lag ich falsch.
Die Dortmunder Theater Adaption hat für mich vom ersten – visuell und akustisch eindrucksvollen – Moment an funktioniert. Ihre Hauptfiguren sind pervertierte Cartoonkarrikaturen wie aus einem Modekatalog des vorletzten Jahrzehnts, die ruckartig von einer überzogenen Pose zur Nächsten geswitcht werden. Wir sind sofort im Bilde:
Vor uns auf der Bühne sehen wir  keine Mensche sondern Avatare, künstliche Bewohner einer bonbonfarbenen Plastikwelt, die nicht ahnen, dass sie nur Marionetten in einem übergeordneten Puppenspiel sind und die Kabel, die von der Decke des Theaters hängen, sind ihre Fäden.
Die Party in der Konzernchefetage gleich in der ersten Szene sieht aus wie eine real nachgestellte Clubnacht in SecondLife. Apropos Metaversum. Man könnte auf die Idee kommen, die Macher von „Welt am Draht“ haben sich die eine oder andere Inspiration im Cyberspace geholt.
Akteure auf der Bühne stecken in sinnlosen Animationsendlosschleifen, nehmen vorgefertigte Sexposen ein, hangeln sich durch völlig unnatürliche Sitzposen, scheitern an simpelsten Bewegungsabläufen. Der leere Suppenlöffel wird im Sekundentakt zum Mund geführt, während man weiter spricht, die Hauptakteure kreisen auf einer rotierenden Platte wie im Avatar-Auswahlmenü  bei der Erstanmeldung im 3D-Chat.
Wie stellt man dann aber die Ebene der untergeordneten Realität im Computer Simulacron 3 dar?
Denkbar simpel. Die Avatare der Avatare sind Pappfiguren in einer neonbeleuchteten Rappelkiste, die mit Telefonstimmen sprechen. Einer davon trägt natürlich das Gesicht von Rainer Werner Fassbinder. Pfiffig und sehr überzeugend gelöst.
Übrigens verirrt sich auch Monty Pythons 16 Tonnen Gewicht in eine Szene. Wir nehmen es schmunzelnd zur Kenntnis.
Die Bühnenversion hat Fassbinders „Welt am Draht“ einen Tick mehr Humor voraus, nicht nur wenn Hauptfigur Fred Stiller zum Finale hin im Supermannkostüm bestehend nur aus Umhang aber ohne Dress zwischen seinen zu Schaufensterpuppen erstarrten Kollegen herum irrt.
Nein, meine Befürchtungen haben sich in keinster Weise bestätigt. „Welt am Draht“ ist ein Theaterstück, das sicherlich nicht nur für Science Fiction Insider oder Cyberspace Aficionados faszinierend ist.
Aber in einem Punkt hatte ich recht: Irgendwer musste mit nacktem Arsch über die Bühne rennen. Das gehört sich so im Theater!

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen