Mittwoch, 10. Juli 2013

Die große Angst vor dem Genuss...

Ich bezeichne mich nicht wirklich als Raucher.
Den größten Teil meines bisherigen Lebens habe ich überhaupt nicht geraucht. Die Anzahl der Zigaretten, die ich in 43 Jahren geraucht habe, kann ich genau beziffern: Eine einzige. Aber ich mag Zigarren, wenn ich dieser Neigung auch erst sehr spät nachgegeben habe. Den Duft fand ich schon immer verlockend, den Geschmack der ersten dagegen erschütternd. Das änderte sich  natürlich wie beim Kaffee, denn wem hat der erste Kaffee seines Lebens jemals geschmeckt? Wahrscheinlich niemandem.
Für das Rauchen habe ich mich allein aus zwei Gründen entschieden: Weil ich es genieße –  und weil ich es entspannend finde.
Dummerweise bin ich ausgerechnet zu einer Zeit auf den Geschmack gekommen, in der sich unsere Gesellschaft entschieden hat, den Tabakkonsumenten zu ächten, das Rauchen in der Öffentlichkeit zu verbieten. Dabei nimmt man bereitwillig erhebliche wirtschaftliche Kollateralschäden in Kauf und schert sich nicht im Geringsten darum, was ein Rauchverbot für kleine Gaststätten bedeutet. Aber darum soll es jetzt gar nicht gehen.
Mich beunruhigt die  immer größer werdende Angst meiner Mitmenschen vor dem Genuss.
In einer Gesellschaft, in der im Prinzip von allem genug vorhanden ist, predigen wir die neue Enthaltsamkeit.
 Ja, sie gehören zum guten Ton, die schuldbewussten Kommentare über den eigenen Bauchumfang, über den kaum sichtbaren Fettansatz und die, wie einige zu fürchten scheinen,  unaufhaltsame Expansion des eigenen Körpers über die Grenzen der bekannten Konfektionsgrößen hinaus. Manch einer scheint sich im Spiegel einem Zeppelin gegenüber zu glauben.
Am lautesten jammern meistens die, bei denen am wenigsten vom Fett zu sehen ist. Ernährungsberaterinnen drangsalieren uns im Vorabendprogramm mit wissenschaftlichem Halbwissen. Versuchen uns, einen Joggingschuh auf unseren Rücken setzend wie den Stiefel einer Ökotrophologen-Domina, zum Gras fressen zu zwingen. Um unserer Gesundheit Willen. Man fragt sich unwillkürlich, was unseren ranken und schlanken Schönheitsidealen und -idolen so zusetzt, dass sie ständig zum Kotzen ins Band verschwinden und so tun müssen, als wären sie durchs  Joggen untergewichtig. 
Man würde sie so gern abstrafen, zum Beispiel die Übergewichtigen. Über höhere Beiträge bei der Krankenversicherung denkt man nach. Extrem Dicke steckt man im Rahmen einschaltquotenstarker Fernsehformate in ein Ernährungs Guntanamo Bay und lässt sie zum Vergnügen von Normalgewichtigen um die Wette hungern.
Dummerweise kann man das Essen in der Öffentlichkeit  - da biologisch zwingend notwendig -  nicht verbieten.  
Rauchen schon.
Damit wird aber auch  eine erste Grenze überschritten.  Man greift direkt in die grundsätzlichen Lebensgewohnheiten eines Teils der Bevölkerung ein. 
Rauchende Raucher müssen leider draußen bleiben. Nachvollziehbar, wenn es um die Gesundheit der Nichtraucher geht, nicht aber, wenn es eigene Räumlichkeiten für sie gibt.
Bisher findet die neue Regelung Akzeptanz. Zumindest bei vielen. Man fragt sich aber, was nun folgen wird. Wenn man dem Raucher die Zigarette aus der Hand schlagen kann, dann doch auch dem Übergewichtigen sein Döner.
Mit welchen amüsanten neuen gesetzlichen Regelungen zu unser aller Wohl dürfen wir als nächstes rechnen? Jetzt da unsere Damen und Herren Politiker mit ihrem ersten großen „Ab jetzt darfst Du das nicht mehr“ durchgekommen sind. Weitere werden folgen.
Verdammen und verbieten können wir in Deutschland unheimlich gut. Vor allem alles, was uns selbst nichts bedeutet. Im Grunde möchten wir alles für illegal erklären lassen, was wir nicht nachvollziehen können oder wollen. Von schlimmen Videospielen, über schlimme Filme, schlimme Bücher, bis zum Tabak und was unseren neuen Aposteln der Enthaltsamkeit sonst noch gegen den Strich geht.
Bitte vermeiden sie alles, was ihnen Freude bereitet. Gehen sie zum Lachen in den Keller und zum Sex am besten noch ein Stockwerk tiefer.
Eines ist aber nach wie vor völlig okay, nein schlimmer, wird sogar als leuchtendes Vorbild propagiert:
Der arbeitsame Bürger, der möglichst bis jenseits der 70 arbeitet und den Arsch offiziell zukneift wegen Alkohol, Tabak oder ungesunder Ernährung in Wahrheit natürlich, weil die Pumpe den Stress nicht mehr mitmacht.
Wenn es um diese Form von ungesunder Lebensweise geht, haben seltsamerweise weder unsere Politiker, noch unsere Ärzte oder Ernährungsberater irgendwelche Bedenken. Wo ist da der mahnende Zeigefinger, die große Furcht vor stressbedingten Erkrankungen, vor den Folgen eines Burnouts? Thumbs up von allen Seiten, alles im grünen Bereich. Das muss nun mal so sein.
Nein,  Gesetze werden nicht verabschiedet, weil sich jemand Sorgen um uns macht. Das tut man nämlich ganz offensichtlich nicht.
Vielleicht sollten wir doch zunächst was unsere Arbeitszeiten und das Rentenalter angeht grundsätzlich und sehr konsequent in unsere Lebensgewohnheiten eingreifen.
An dieser Stelle würde ich mir drastische Verbote dringend wünschen. Zum Beispiel ein Arbeitsplatzaufenthaltsverbot ab 55 Jahre. Was das angeht, verlassen wir doch gern ohne Murren und Knurren auf der Stelle die Räumlichkeiten.
Seltsamerweise wären wir da auch alle derselben Meinung – bis auf einige wenige natürlich. Aber Dinge, die wir alle wollen, lassen sich hierzulande einfach nicht durchsetzen.
Wo kämen wir denn da hin?

1 Kommentar:

  1. Ja-ja-Ja-JAAAAAAAAAAAA......

    Vollkommen formuliert - diesen Text würde ich gerne als Wort zum Sonntag hören oder als Aufhänger in allen möglichen Zeitungen lesen....

    Gruss
    Rolf-Rubeus

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