Samstag, 28. September 2013

Doch noch ein paar Gedanken über SecondLife und OpenSims...


Bernhard Giersches Lesung in SecondLife. Das ist, was wir draus machen.
Vor einigen Tagen kam einer der Autoren des bekannten amerikanischen Blogs „The Verge“ auf die abstruse Idee, eine Story über die längst vergessene „online-Welt“ (Journalisten  formulieren das gern so) SecondLife zu schreiben.
Nun haben wir den Salat:
Die kleine Schar merkbefreiter Realitätsverweigerer und kommunikationsgestörter Eskapisten, deren schön anzuschauenden Avatar Kadaver auf den letzten Linden Servern noch immer ihrer endgültigen Löschung harren, glaubt ihre gescheiterte Pixelkommune sei plötzlich wieder in Mode gekommen. Man wagt derzeit wieder ganz offen über seine bizarre Vorliebe zu schwadronieren, schlimmer noch gleich online zu posten.
Folge: Der inflationäre Gerbrauch des Hashtags SecondLife auf Twitter und Facebook.
Das unbelehrbare Virtual Reality-Enthusiasten wie Meinereiner darauf anspringen, wenn an irgendeiner Stelle des Webs über unser Lieblingsspielzeug berichtet wird, überrascht natürlich niemanden. Es fällt allerdings auf, wenn auch die sonst desinteressierte Profifraktion vorsichtshalber ebenfalls ein bis zehn Zeilen über das ausgenudelte Thema absondert. Wahrscheinlich nur vorsichtshalber, damit man später behaupten kann, man hätte sofort geschaltet, als das große Comeback der virtuellen Welten stattfand.
An ein solches Comeback glaube ich persönlich übrigens nicht. Die Metaversen, egal ob nun SecondLife oder OpenSim waren über zehn Jahre hinweg niemals weg.  Lediglich die Medien hatten schnell das Interesse an der neuen Bühne verloren. Ich schrieb hier schon einige Male über das Thema.
Wenn man sich aber Artikel und Blogpostings, Twitter- und Facebookkorrespondenz anschaut, staunt man aber immer wieder über die ausgeprägte Antipathie gegen SecondLife und Konsorten – aber vor allem gegen deren Fans. Für gewöhnlich hagelt es Hohn und Spott, falls irgendjemand wagt, sich dem Thema mit gedrücktem Like Button zu nähern.
Die Gegenargumente sind uns hinlänglich bekannt.
Ganz vorn die schlechte Grafik. Die ist natürlich etwas gewöhnungsbedürftig im Vergleich zu einem Game wie Grand Theft Auto V. Wer sich einmal an die Standards aktueller Konsolenspiele gewöhnt hat, wird seine Ansprüche nicht mehr zurückschrauben können. Nachvollziehbar.
Die Tatsache, dass ich keine Möglichkeit habe, in grafisch aufgemotzten MMORPGS meine virtuelle Umgebung zu gestalten, wie ich das möchte, wird allerdings nie erwähnt.
Nebenbei bemerkt:
Ich wäre ganz entzückt, in der online Version von GTA V ein Kulturcafé zu installieren. Mit dem angenehmen Nebeneffekt, dass ich Griefer bei einer Lesung dort nicht bannen müsste, sondern mit einem Kopfschuss zum Schweigen bringen könnte.
Ich habe mich übrigens dazu entschlossen, nicht zu erwähnen, dass die bei SL schmerzhaft unerträgliche Pixeligkeit beim Erfolgsgame Minecraft  niemanden zu stören scheint. Huch, jetzt ist es doch passiert.
Amüsant wird es dann, wenn notorische Dauerkommentierer in ihren Lieblingsforen plötzlich die große Suchtkeule auspacken, um vor den zerstörerischen Auswirkungen einer  SecondLife-Abhängigkeit zu warnen.
Schaut man sich das Standing von SL und OpenSims an, wird deutlich, dass hier gleich zu Beginn der Virtual Reality Ära irgendwas falsch gelaufen sein muss. Etwas das nicht mit der Plattform selbst zu tun hat, sondern mit der Art, wie sie bekannt gemacht wurde. Es ist kein Technikproblem, denn Technikprobleme nehmen Nerds gern in Kauf.
Meiner Ansicht nach, hat man das Produkt SecondLife und damit natürlich auch, ohne das zu wollen, alle Open Source Nachfolger von vornherein falsch verkauft.
Bis heute verströmt die SecondLife Website den Hochglanz-Charme eines Versandhauskataloges für Damen und Herren mittleren Alters. SL Screenshots  war und ist sowohl auf der Unternehmenswebsite als auch in den Medien stets sonnige Wahllkampfplakat-Ästhetik eigen, auf die man gern Schlagworte wie „Liebe“, „Beziehung“ und „Abenteuer“ stempelt.  Eine Assoziations-Collage, die  etwa so spannend rüberkommt wie ein Last-Minute-Reisekatalog für Midlife Crisis-geschüttelte Mittvierziger mit Fluchtgedanken in Richtung Mallorca.
Man hat in zehn Jahren durchgehend versäumt, die hauseigene Petrischale SecondLife unters Mikroskop zu legen, um zu sehen, was aus den angesetzten Kulturen geworden ist, was die Bewohner des Metaversums selbst aus ihrem persönlichen Cyberspace gemacht haben und immer noch machen.
Die „Liebe,Beziehung und Abenteuer“-Kundschaft ist zwar vorhanden, manche von ihnen auch langjährig, aber da ist noch mehr.
Linden Labs vergisst fast immer den Hinweis auf die Subkulturvielfalt unterhalb der Subkultur SecondLife.
Statt Steampunk Locations zeigt man uns die aktuelle Herbstmodekollektion, statt Cyberpunk-Metropolen oder 40er Jahre-Dieselpunk-Rolepayzonen vorzustellen, malträtiert man den Betrachter mit selig grinsenden Blondinen an Plastikswimmingpools, die eigene Kunstszene fördert man zwar bis zu einem gewissen Grad, vergisst aber, sie auf der Startseite der eigenen Homepage zu erwähnen, statt über Online-Lesungen zu berichten, bewirbt man virtuelle Schaumpartys und wundert sich dann, als große Blase bezeichnet zu werden.
Die Fans von online Plattformen sind jederzeit bereit Unübersichtlichkeit, Sicherheitslücken, Datenmissbrauch, schlechte Grafik, miese Performance oder völlige Nutzlosigkeit zu verzeihen. Nur in deinem Fall sind sie es nicht, SecondLife, denn Du hast dich selbst hoch offiziell für uncool erklärt.
Jedenfalls wirkt es so!
Deswegen wirst Du auch seit nunmehr sechs Jahren alle paar Wochen für tot gehalten. Aber die Betonung liegt hier nicht auf „tot“, sondern auf „alle paar Wochen“.
Dafür, dass Lindens Metaversum seit mehr als einem Jahrzehnt angeblich nichts weiter ist als ein Haufen verrottender Bits und Bytes verblüfft es mit  beachtlicher medialer Präsenz.
Die derzeit durch die Verge-Story gesteigerte Aufmerksamkeit hat mich daran erinnert, dass ich seit etwa einem halben Jahr eine kleine Liste führe. Darin alle seit Januar erschienen deutschsprachigen Artikel über SecondLife in Medien, auf Blogs und Websites, die normalerweise  nicht an SecondLife interessiert sind.
Darunter längere Texte, gelegentliche Randbemerkungen, die hinlänglich bekannten Bankrott-Erklärungen und ein oder zwei Postings aus der Rubrik „Juchu, ich habe jemanden gefunden, der psychologisch  noch auffälliger ist als ich!“.  
Herausgelassen habe ich  Blogposts, an denen ich selbst beteiligt war, wie die in den Blogs „Was mit Büchern“ und „Alles fließt“.
Insgesamt sind es bis zum 27. September rund 30 Artikel gewesen, die sich teilweise sehr ausführlich mit SecondLife und/oder Cloudparty und/oder OpenSim beschäftigen.
Nehmen wir internationale Artikel wie die in Verge dazu, wird die Liste natürlich größer, mal ganz abgesehen davon, dass es einige hundert AKTIVE Weblogs über virtuelle Welten gibt. Die allein sind eigentlich schon Indikator dafür, dass die Sache mit dem kleinen Spielzeug Cyberspace längst nicht vom Desktop ist. 
Ich habe die Liste mit den Links zu den Artikeln der Übersichtlichkeit halber auf eine externe Website gesetzt, die ich für eine Woche online lasse. 
Wer Lust hat, kann von dort gern chronologisch durch die Berichterstattung über SecondLife im Jahr 2013 surfen.

Kommentare:

  1. Danke für deinen Artikel, du bringst es sowas auf den Punkt ;D

    Tschöö

    Bogus Curry

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  2. Ich bleibe dabei -> und hier ist mein ausdrückliches Ausrufezeichen, dick und rot soll es hier im Kommentar an dieser Stelle stehen: ' ! ' <--> Alle virtuellen Welten [SL und OS] in denen ich mich aufhalte und arbeite ... ja Ihr lest richtig, ich arbeite dort (nicht für die Betreiber, sondern für mich persönlich ! ) sind für mich virtuelle Plattformen und Handwerkszeuge, die meine Arbeit im real life, unterstützend begleiten und dadurch bereichern ! ... Diese kreative Unterstützung der virt. Welten heute{Plattformen/tools}, sind nicht mehr und nicht weniger in ihrer funktionalen Bedeutung für den kulturellen Menschen wichtig, wie mechanische Schreibmaschien aus dem letzten Jahrhundert oder in archaischer Vergangenheit die Kratzwerkzeuge frühester Höhlenmalereien oder der ersten Lettern in Stein.
    Wer so grenzdebil, wie in dem beschriebenen Blog „The Verge“ seinen Senf absondert, soll es tun... Warum auch nicht ... Nur !, wir Anderen, sollten an unseren Ideen weiterhin arbeiten und uns mit allen erreichbaren Werkzeugen, unserer Kunst, in Form, Farbe und Wort verwirklichen, ohne uns über diese Silbenstecher der Besserwisser und Nörgler zu echauffieren...

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