Freitag, 17. Januar 2014

Kurzgeschichten und warum man ihre Bedeutung nicht unterschätzen sollte...

Ich habe in letzter Zeit mindestens einmal zu oft abfällige Bemerkungen über Kurzgeschichten und ihre Autoren gehört.
Bemerkungen in der Art wie: 
Kurzgeschichten sind überflüssig, weil sie den Lesebedürfnissen der Konsumenten nicht mehr entsprechen. 
Sie wären Fingerübungen mäßig begabter Möchtegern-Schriftsteller.
Sie sind allein deswegen für kleine Verlage interessant, weil die vom eigenen Werk entzückten Mit-Autoren einer Kollektion selbst jeweils mindestens zehn Exemplare ihrer ersten Veröffentlichung abnehmen und damit einen gewissen wirtschaftlichen Mindesterfolg für den Verleger garantieren.
Und natürlich lässt sich mit ihnen kein Geld verdienen. (Komisch, einen Satz weiter oben klang es noch, als ob Geld verdienen was Böses wäre.)
Als  Autor von Kurzgeschichten stinkt mir dieses reichlich überhebliche Pauschalurteil.
Nicht nur, weil man deutlich heraus hören kann, dass es hier allein um den Profit geht und nicht um die Story als kraftvolles Medium an sich. Auch weil impliziert wird, dass die Autoren von Kurzgeschichten erstens blöde im wirtschaftlichen und zweitens talentlos im literarischen Sinne sind.
Ich sehe das anders.
Nein, ich halte die kurze Form nach wie vor für die wahre Königsdisziplin. Besonders im Science Fiction Genre.
Neben der eigentlichen Handlung muss in einer Kurzgeschichte auch ein kompletter Weltentwurf transportiert werden und dass ohne eine einfache Idee zur zwölfbändigen Romanserie aufzupumpen.
Gute Kurzgeschichten sind komplexe und filigrane Miniaturromane, die es ganz ohne fünfzigseitige Einführung schaffen müssen, den Leser in ihren Bann zu schlagen.
Die kleine Story muss das schon auf der ersten Seite leisten.  Jeder Satz muss seine Funktion erfüllen und nebenbei die Eckdaten eines neuen Universums übermitteln, ohne dass die Handlung an Drive verliert.
Deswegen funktionieren Kurzgeschichten auch nur gut, wenn ihr Autor  über Originalität, Ideenreichtum und handwerkliches Geschick verfügt.
Es ist erstaunlich, aber es gibt ein literarisches Paradoxon: Je länger ein Werk ist, umso weniger fällt Substanzlosigkeit ins Gewicht.
Das Schreiben eines Romans, ist nicht unbedingt ein nächster Schritt im literarischen Schaffen ( nach ein oder zwei Kurzgeschichten), es ist auch oft ein typischer Anfängerfehler.
„Ich habe da diese Idee und möchte ein Buch darüber schreiben.“
Und das klappt bedauerlicherweise auch bei einem völligen Vakuum an Einfällen. Aus dem kleinsten Fitzelchen Verschwörung lässt sich  ein fünfhundertseitiges  um-den-heißen-Brei-Lamentieren auf Papier schmieren, für das ganze Wälder und einige Dutzend Nebencharaktere sinnlos gestorben sind. 
Eine einfallslose Kurzgeschichte bricht sofort ein. Ein ebenso ideenloser Roman schwebt auf seinem riesigen Kissen aus heißer Luft mit etwas Glück  in die Bestseller-Listen.
Um es noch einmal deutlich zu sagen:
Kurzgeschichtenautoren schreiben nicht unbedingt nur deswegen Kurzgeschichten, weil sie sich nicht an ein großes Werk wagen, oder damit überfordert sind. Genau so gut könnte man behaupten, dass Romanautoren, Romane schreiben, weil sie nicht wissen, wie sie ihre sperrigen und uneleganten Storybausteine auf engstem Raum zu etwas sinnvollem zusammenfügen sollen. Aus bunten Holzklötzen konstruiert man nun mal keine Feinmechanik.
Dass sich viele Leser nicht für Kurzgeschichten – oder für das Genre Science Fiction – interessieren, steht auf einem anderen Blatt eines ganz anderen Romans.
Aber wer sind wir, dass wir uns dem Durchschnittsgeschmacks-Diktat irgendwelcher desinteressierter Konsumenten unterwerfen müssen, denen sowieso nie gefallen wird, was uns gefällt?
Die Kurzgeschichte ist genau so sehr Literatur wie der achthundertseitige Roman. Und manchmal steckt sogar noch mehr drin.
Schön, dass wir drüber gesprochen haben. 
Und ich musste nicht mal Alice Munro erwähnen...

Kommentare:

  1. Da hast du mir absolut aus der Seele gesprochen, Thorsten!

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  2. Vielen Dank für diese klaren Worte. Ich kann Dir nur zustimmen, zum Einen, weil ich selbst Kurzgeschichten schreibe, Kurzgeschichten sammle und als Verleger von Saphir im Stahl auch herausgebe. Leider stimmt der Satz nicht, dass jeder Autor zehn Bände abnimmt. Als Verleger macht es mir aber Spass zu sehen, was andere Autoren denken und zu Papier bringen.
    gruß
    Erik

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  3. Dem kan man nur zustimmen. Kurzgeschichten sind aber nicht nur filigrane Miniaturromane, sondern können auch Wege beschreiten, die in der langen Form oft gar nicht möglich sind.

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  4. Ich unterschreibe dein Statement einfach mal.

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  5. Jetzt muss ich endlich meinen ersten Kommentar loswerden, deshalb zuerst einmal "Hallo", ich hatte vor längerer Zeit über Ludgers Blogroll hierher gefunden.

    Ich denke in Sachen Kurzgeschichten spukt manchem noch die Mär der "typischen" Autorenkarriere im Kopf herum: Kurzgeschichten, erster Roman, längere Romane, Verfilmung, Ruhm und Ehre. Kurzgeschichte und Roman sind aber definitiv zwei Paar Stiefel. Jemand der gute Kurzgeschichten schreibt ist nicht unbedingt ein guter Romanautor und umgekehrt.

    Es ist so wie Du schreibst, die Kurzgeschichte muss viel schneller auf den Punkt kommen und gleichzeitig mit einer entsprechenden Anzahl Andeutungen, das Universum aufspannen in dem die Geschichte spielt. Die Details des Universums entstehen dann in der Fantasie des Lesers und müssen nicht auf hunderten Seiten ausgebreitet werden. Kürzlich hatte ich einen langen Roman zu Ende gelesen, der ganz nett war. Die entscheidende Pointe des Romans war angesichts eines 600 seitigen Vorgeplänkels eher dünn. So etwas ist dann ziemlich enttäuschend wenn man kurz zuvor eine Kurzgeschichte gelesen hat, die einen ähnlichen Gedanken viel besser auf den Punkt brachte. Die Kurzgeschichte war im Übrigen "Rekonstruktor" (großartig!).

    Es lebe die SF-Kurzgeschichte.

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  6. Vielen Dank für diesen tollen Artikel, er spricht mir aus der Seele!
    Ich bin selbst Verlegerin und liebe Kurzgeschichten, darum habe ich mich seit kurzem auf das Thema Anthologien spezialisiert (auch wenn mein Verlag im Bereich der Fantasy angesiedelt ist und die Science Fiction nur im Bereich des Steampunk einschließt)! Meiner Meinung nach haben Kurzgeschichten unglaublich viel Potential und sind ein Sprungbrett für junge Autoren! Überraschend viele Autoren, die 2012 in meiner ersten Anthologie vertreten waren haben in der Zwischenzeit nicht nur einen ganzen Haufen weiterer Kurzgeschichten veröffentlicht sondern sind zum Teil auch bei Verlagen untergekommen und veröffentlichen nun umfangreichere Romane.
    Die Macht von Kurzgeschichten sollte man nicht unterschätzen!!!

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