Dienstag, 11. Februar 2014

Holzhammerpädagogik schlauer Zoodirektoren: Das kleine Problem mit der Giraffe...

Ein Zoodirektor will sich eines Giraffenbullens entledigen, tötet ihn mit dem Bolzenschussgerät, seziert ihn dann vor Kindern. Dolle Aktion und so feinfühlig wie ein fallender Tresor.
Tierschützer gehen erwartungsgemäß auf die Palme. Man darf ja zumindest mal nachfragen, ob das Problem nicht auf subtilere Weise lösbar gewesen wäre. Oder?
Dann meldet  sich - wie immer - die Klugscheisserecke zu Wort, betrachtet die Sache mal ganz kühl und stellt fest: Hey, ihr esst doch auch ständig Tiere, so what?
Wohl wahr. Für mich sind den Bratwurstmengen nach, die ich heute vertilgt habe, in den letzten Tagen geschätzt zwei Schweine gestorben.
ABER:
Wir reden von einem kerngesunden anderthalbjährigen Giraffenbullen, für den sich alternative Gehege hätten finden lassen. Mal davon abgesehen, dass Giraffen sowieso selten auf unserem Speiseplan stehen.
Da wollte nur jemand auf intellektuelle Coolness machen und seziert den Burschen dann auch noch gleich vor ner versammelten Kinderschar. Holzhammerpädagogik der Extraklasse. 
"Weil das auch in der Natur passiert und völlig natürlich ist" ist kein Freibrief für einfache Radikallösungen, nur weil wir gerade keine Lust haben, unsere Zeit mit der Suche nach Alternativen zu vergeuden. Ich hoffe zumindest, dass keine Hunde-, Katzen-, oder Aquarienbesitzer ihre Lieblinge kurz vor der nächsten Urlaubssaison appetitlich für deren natürliche Freßfeinde anrichten.
Allerdings würde ich jeden, der die Zooaktion des Herrn Direktors verteidigt, falls er demnächst schon halb im Schlund eines Krokodils verschwunden ist, mit einem Schulterzucken darauf hinweisen, dass das völlig okay ist, weil es auch Giraffen ständig passiert...
Jetzt gehe ich noch den letzten Rest Bratwurst essen, dann werden die Katzen noch mal gestreichelt und danach habe ich Lust auf einen Film mit menschenfressenden Kreaturen. 
Bringen wir es noch mal auf den Punkt: Nur weil Du Fleisch ißt, musst Du dich nicht wie ein Arschloch benehmen.

Kommentare:

  1. Wobei aber der Giraffenbulle mit Sicherheit schönere anderthalb Jahre hatte als die Schweine, von denen Deine Bratwürste stammten. ;)
    Entrüstung schön und gut - aber statt sich über einen Einzelfall zu erregen, wäre Reflexion über die Flexibilität moralischer Standards für die Schweine auf Betonspaltboden eventuell hilfreicher. Bei mir führte - obschon Kind "vom Lande" mit selbst schlachtender Verwandtschaft und ökologischem Landbau - diese Gdankenkette in Verbindung mit CO2 und Ressourcenverbrauch zum Vegetarismus. Ich schreibe sicher niemandem vor, was er zu essen und dabei zu fühlen hat - aber ich erlaube mir dann auch emotionale Kühle bei Giraffenbullen und deren mir unbekanntem Hintergrund.

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  2. Oh, ich bin sicher, Du hattest auch ein paar schöne Jahre, aber wir werden Dir trotzdem keinen Bolzen ins Hirn jagen. Und irgendwie klingt es so, als wäre der Giraffenbulle dafür verantwortlich, dass ICH Fleisch esse.Aber das wirst Du selbstverständlich nicht so gemeint haben.
    Frage: Wo zum Giraffenkadaver fressenden Geier steht denn eigentlich, dass sich nur Nicht-Vegetarier über die Giraffenaffäre echauffieren?
    Man könnte meinen da rotten sich lauter Hamburger fressende 3 Zentner Demonstranten vor dem Zoo zusammen, die noch auf Rindfleischbrocken kauend den Kopf des Direktors fordern.
    Mein Grundprinzip ist, glaube ich, kein so Übles: Wir sollten nichts umbringen, was nicht umgebracht werden muss.
    Und ich erlaube mir emotionale Empörung, wenn es sich jemand auf rationaler Basis leicht macht. Das ist genau die Art "vernünftiger Lösungen", wie sie beispielsweise auch die gerade von dir angeprangerte Nahrungsmittelindustrie praktiziert. Entrüstung ist also auch im Einzelfall angebracht. Es sind die Einzelfälle, die sich zum großen Ganzen summieren.
    Und ich möchte mich auch nicht dafür entschuldigen müssen, dass mir die Viecher leid tun. Ob nun Giraffe oder die Schweine in dem Transporter, den ich gerade überhole.
    Ich persönlich tue übrigens mein Bestes, um die Welt zu retten, aber ich kann den Saustall nun mal nicht alleine reparieren.

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  3. Warum hängt´s denn an der Giraffe? Hätte man also ein, ich sach` mal, Merinoschaf geschlachtet und seziert, wäre das okay? Oder etwas weniger kuscheliges - einen Kugelfisch. Wo wäre das moralisch zu verorten?
    Ist es sich moralisch leichter getan, ein Zootier zu töten als tausend Hühner in den Chickennuggetschredder zu stopfen? Oder ein Huhn?
    Mir will einfach nicht in den Kopf, warum man Empörung wertet und die Tötung einer gesunden Giraffe als moralisch verwerflicher befindet als die Tötung eines gesunden Schweins, das auch nur zu 30% verwertet wird.

    Einfache Antworten gibt´s nirgendwo. Der Mensch kann omnivor sein, hat es aber in der Hand, die von ihm Abhängigen gut zu behandeln. Ob er einen Hummer überbrüht oder eine Giraffe umnatzt ....?

    Vermutlich ist die Giraffe nur ein schönes Symbol, über das man sich gut echauffieren kann, da es durch die gefühlte Entfernung zur Nahrungskette nicht zwingend zum Schluss führen muss, dass Burgerpatties nicht auf Bäumen wachsen. ;)

    Vogelspinnen! Frittierte Vogelspinnen in Vietnam. Die sind glaube ich sicheres Terrain.

    Nix für Ungut, ich denke nicht, dass ich in irgendeiner Form moralisch festeren Stand habe. Aber ich möchte eben gern die Gründe verstehen! Und die werden mir aus Deinem Post nicht ganz klar.

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  4. Mitleid. Wird zuweilen auch bei moralisch ungefestigtem Stand, je nach Anlass verschieden intensiv und ohne rationale Beweggründe empfunden. Kommt auch bei Kanrivoren vor, - glücklicherweise, macht die Welt gut dosiert schöner - kann aber nicht unbedingt von jedem nachvollzogen werden.
    Ich sag`s mal so: Auch wenn in der Dritten Welt Menschen verhungern, darf es mich trotzdem betroffen machen, wenn "nur"die alte Dame im 12. Stock unbemerkt an Unternernährung gestorben ist.
    Es sind übrigens Taranteln. Taranteln in Kambodscha. Die sind auch nicht sicheres Terrain, die sind bäh. Und ich bin strikt gegen das Überbrühen von Hummern.
    Nein, wenn jemand Mitleid zeigt, warum auch immer, ist das kein Anlass zu weitschweifigen philosophischen Diskursen, mit dem Ziel die Sinnlosigkeit dieser Empfindung nachzuweisen, sondern ein Anlass zur Hoffnung. Von der Giraffe denken sie ja vielleicht einen Schritt weiter in die Richtung, die du gern hättest.

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