Montag, 4. August 2014

Bildungslücke geschlossen: Richard Morgans "Das Unsterblichkeitsprogramm"...



Im 23. Jahrhundert hat sich das ärgerliche Problem Sterblichkeit endlich erledigt. Zumindest für jene, die es sich leisten können. Die Meths, bereits einige hundert Jahre alte Reiche lassen regelmäßig Sicherheitskopien ihres Bewusstseins im Speicher ablegen und können sich so nach Bedarf  in einen neuen Klon ihres Körpers transferieren lassen - falls jemand ihre sterbliche Hülle vorsätzlich beschädigt.
Privatdetektiv Takeshi Kovacs genießt zwar auch das Privileg der Unsterblichkeit, das allerdings nur weil Haftstrafen abgeschafft wurden und Bewusstseine von Straftätern stattdessen für ein Jahrhundert oder mehr auf Festplatte gespeichert werden. Takeshi hat allerdings das Glück, sich unerwartet früh in einem neuen Körper wieder zu finden. Eigentlich sollte sein Geist noch eine ganze Weile auf Eis liegen, doch der einflussreiche Meth Bancroft hat einen Auftrag für ihn.
 Bancroft, selbst gerade erst in einen Klon seiner selbst reinkarniert, hat sich wenige Tage zuvor selbst den Kopf von den Schultern geschossen. So die polizeiliche Version seines vorübergehenden Todes. Doch Bancroft glaubt nicht daran und will, dass Takeshi herausfindet, wer ihn – oder zumindest die vorherige Version – umgebracht hat.
Richard Morgan treibt die Grundideen des Cyberpunk meisterhaft auf die Spitze. Sein real existierender Transhumanismus hat die Menschheit und das Universum grundsätzlich verändert. Materie kann sich nach wie vor nicht mit Lichtgeschwindigkeit oder schneller bewegen, Informationen dagegen schon und  so lässt sich das Bewusstsein via Hyperraum zu den diversen interstellaren Kolonien der Menschheit uploaden. Doch Morgans Einfallsreichtum ist damit lange nicht am Ende.  Hinter seinen Ideem kann das weiße Häschen aus Matrix nur müde hinterher hoppeln.
Der Mann legt ein Tempo und eine Dynamik vor, die ihresgleichen suchen. Die filigranen Details vervollkommnen seinen rabiaten aber großartigen Roman, der irgendwo zwischem Chandlerschem Detektiv-Krimi und High-Tech-Zukunfts-Politthriller oszilliert. 
Da wird ein von einer KI gesteuertes Hotel namens Hendrix zu einer  Hauptfigur, die sich gern zu illegalen Aktivitäten überreden lässt und in der virtuellen Welt als Gitarrist herumläuft. Da erzeugen Profikiller ganz bewusst Kopien von sich selbst, weil sie sonst niemandem über den Weg trauen können. Da werden riesige Luftschiffe, die früher meteorologische Forschungsstationen waren, zu fliegenden Edelbordellen umgebaut. Und natürlich bringen sich Schurken und Helden, meistens eh kaum voneinander unterscheidbar, mehr als einmal gegenseitig um, oder gehen stattdessen doch lieber ausnahmsweise gemeinsam einen trinken.
Wer wegen Gibson mit Cyberpunk bisher nicht warm werden konnte, wird beim Genuss von Morgans „Unsterblichkeitsprogramm“ eventuell unerwartet schnell heißlaufen.
Großartiges Buch!

Da fällt mir doch gerade auf, dass Bernhard Kempen das Ding übersetzt hat. Mit dem hab ich doch sogar schon mal auf dem Dortcon gelesen. 2005? Diese Szene ist irgendwie kleiner als man denkt. 

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