Mittwoch, 29. Juli 2015

Gelesen und damit eine Bildungslücke geschlossen: "Diamond Age"...



Wie kann man einen Science Fiction Roman über ein Buch schreiben, dessen Titel wie folgt lautet: "Die illustrierte Fibel für die junge Dame"? Genau diese Frage habe ich mir gestellt, als ich Stephensons Roman „Diamond Age“ zum ersten Mal in Händen hielt. 
Der Titel der Fibel lässt ahnen, dass sie in irgendeiner Weise mit der viktorianischen Ära zu tun hat. Ihre wahre Natur, die eines nanotechnischen Computers, schlägt die Brücke in eine hoch technologische Zukunft, die sich noch nicht zwischen Dystopie und Utopie entscheiden konnte. 
 „Diamond Age“ hantiert geschickt mit Cyberpunk und Steampunk Elementen, reduziert sich aber weder auf das eine noch das andere. Viel mehr ist es ein Genre-Hybrid mit Schwerpunkt auf Social Fiction. Konzentriert auf fast sechshundert vor Ideen strotzenden, literarisch ausgearbeiteten Seiten voller faszinierender Charaktere.
 Die Geschichte der kleinen Nell, die nur durch Zufall in den Besitz der Fibel gelangt, hat mich in kürzester Zeit in ihren Bann geschlagen. Das Büchlein ist nämlich viel mehr als nur ein Ratgeber für Förmlichkeiten. Es  lehrt junge Damen zwar, wie sie sich zu benehmen haben,  dient jedoch vorrangig einem ganz anderen Zweck: Seine Leserin zu einer Revolutionärin auszubilden. Fabelhafte Idee, von Stephenson, das muss man einfach neidlos zugeben, brillant umgesetzt.
Kein Wunder, dass wir diesem Vordenker zumindest indirekt auch virtuelle Welten zu verdanken haben. Sein Roman „Snowcrash“ inspirierte Philipp Rosedale zur Entwicklung von SecondLife. In „Diamond Age“ spielt virtuelle Realität übrigens auch eine Rolle. Und sie ist auch bei Stephenson auf steuernde lebende Menschen hinter Avataren angewiesen. Bei seinen Rakteuren, den Schauspielern virtueller Inszenzierungen, musste ich immer wieder schmunzelnd an unsere SecondLife Vorleser denken. 
Ein Statement einer seiner Hauptfiguren, das nachdenklich machen sollte, sinngemäß: 
In einer Welt, in der wir alles über jeden wissen, bleibt uns nur die Höflichkeit! Eine wunderbare Idee, die wir in dieser Form realisiert in der Steampunk Kultur finden. (Ja, ich weiß Alex Jahnke, dass Du das auch schon etwa in dieser Form in "Steampunk kurz&geek" geschrieben hast.)
„Diamond Age“. Geniale Science Fiction Literatur, die nasenrümpfenden, sich selbst gern als solche bezeichnenden „Hochliteraten“ das Fürchten lehren kann. Denn Stephensons Ideen gehen über die obligatorische selbstgefällige Sinnkrise hinaus.
Unbedingt lesen!

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