Sonntag, 24. Januar 2016

"Turbo Kid" gesehen...

„Turbo Kid“?
Allein der Titel klingt katastrophal. Irgendwie so...1985? Und so sieht er auch aus. Ein Neon Airbrush Schriftzug wie auf dem gewollt aber nicht gekonnt auf poppig getrimmten Ringbuch eines Fünftklässlers aus dem Jahr 1985. So vertraut fühlt sich dieser Titel an. Aber vor allem so uninspiriert, so unoriginell, so fade, so platt, so lieblos, so falsch -und so trashig und kultig dass wir uns erst jetzt, im Jahr 2016, ein Vierteljahrhundert nach der Walkman- und Aerobic-Schweißband-Ära wieder genau danach sehnen. 
„Turbo Kid“ ist der Film, der uns in unserer Jugend missgönnt wurde. Mad Max statt mit V8 Motoren auf BMX Fahrrädern. Angesiedelt in einer postnuklearen Welt, wie wir uns postnukleare Welten damals noch vorgestellt haben.
Große Baggerlöcher in Kanada, aufgebrezelt mit Matte Paintings eingestürzter Brücken und ins Nichts mündender Autobahnen. Bevölkert von pestilenten vermummten Gestalten, die statt mit Messer und Gabel mit Machete und Motorsäge zu speisen pflegen. 
Kurz könnte man auf die Idee verfallen „Turbo Kid“ sei ein seit 1986 im Archiv vergessener Actionfilm für Jugendliche. Aber in Sachen Verstümmelung legt er die Messlatte gleich in den ersten zehn Minuten auf das nicht-jugendfreie Niveau des Jahres 2016. Wenn es um respektlosen Missbrauch von Leichenteilen für Slapstickeinlagen in Kampfszenen geht, definiert „Turbo Kid“ sogar mal eben das Genre neu. Gegen solche Splattereinlagen nehmen sich selbst die Blutfontänen in Kill Bill wie anämische Rinnsale aus. 
Aber „Turbo Kid“ hat noch viel mehr zu bieten. Herrlich schräge Hauptfiguren angesiedelt irgendwo auf der dünnen Grenze zwischen Charakter und Klischee. Besonders grandios Laurence Leboeuf als Turbo Kids schräge Begleiterin Apple mit ihrem permanenten „Ich hatte gerade 18 Espresso“-Gesichtsausdruck um die ständig weit aufgerissenen Augen. Eine charmante Irre, die für einige Überraschungen gut ist. Und wen würden wir lieber als Oberschurken erleben, als den mittlerweile sowohl in die Jahre als auch in die Breite gekommenen Michael Ironside, der hier nochmal nach Herzenslust den knallharten Killer geben darf?
Das alles unterlegt mit dem klassischen Synthesizer Sound der Achtziger, wie wir ihn damals lieben gelernt haben und heute immer noch vermissen. 
„Turbo Kid“ ist für mich einer der ganz großen Postapokalypsen-Filme. Mit Retro-Charme und genügend Wucht, um es selbst mit einem „Mad Max: Fury Road“ aufnehmen zu können. Und das auf BMX Fahrrädern! 
Wer „Kung Fury“ mag, der wird auch „Turbo Kid“ lieben. Fabelhaft!

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