Donnerstag, 15. September 2016

Abschied vom Kreativdorf: Warum wir im Datenozean versinken...

Um es kurz zu machen:
Kreativdorf wird im Cybernirvana verschwinden und das schon sehr bald.
Die schlechte Nachricht kam am Sonntagabend. Aus sehr nachvollziehbaren Gründen muss sich die Besitzerin unserer SIM aus SecondLife zurückziehen. Für uns Kreativdorfler bedeutet das, heimatlos zu werden.
Leider interessiert sich Linden Labs kaum dafür, wer ihre Inseln im Datenozean bewohnt. Von Belang ist für den Konzern nur, wer dafür bezahlt. Eine Übernahme der gesamten SIM durch einen von uns kommt leider nicht in Frage, wäre zum jetzigen Zeitpunkt auch kaum organisierbar und so müssen wir uns zunächst einmal damit abfinden, dass unser derzeitiger Standort nicht weiter existiert.
Ich stelle mir gern vor, dass das Dorf einem riesigen Datamining Bagger weichen muss, der einen Wort-Tagebau in den Cyberspace fressen wird. Aber letztendlich geht es nur um Dateien, die von einem Server an der Westküste der USA gelöscht werden. Nichts als Bits und Bytes, für uns jedoch viel mehr als das.
Ich bin seit acht oder neun Jahren Mieter unserer SIM, die damals noch Ataria hieß. Damit bin ich einer jener Unverbesserlichen, die nie das Interesse an SecondLifes simpler Version eines Cyberspace verloren haben.
Ursprünglich hatte ich mal so etwas wie einen Club in einer Raumstation. Das Neocortexx, in dem ich ab und zu Cyberpunk Partys organisiert habe. Im daran angedockten Luftschiff habe ich bei einem Bloggertreffen zum ersten Mal mit meiner Frau geflirtet. Sie glücklicherweise auch mit mir.
Seit 2010 nutzen wir die SIM gemeinsam als Heimatinsel für unser Kafé KrümelKram und das Projekt der Brennenden Buchstaben. Wir haben dort Lesungen, Ausstellungen, Flohmärkte, Theateraufführungen und Comedyshows organisiert.
Im September 2010 waren wir die offizielle Dependance des Gogbot in Enschede. Stelarc höchstpersönlich (ja, das ist der mit dem Ohr auf dem Arm) ist damals bei uns aufgetreten. Er und viele andere Künstler. Auch die legendäre Bryn Oh hat sich immer wieder mit Installationen an unseren FdLs und Steampunk Kunstevents beteiligt.
Kreativdorf war Austragungsort für vier Festivals der Liebe und vier BB E-Book Events, hinzu kommen viele viele Einzelveranstaltungen mit all den Autoren, die bei uns im Kafé oder nebenan in Barloks Hafen aufgetreten sind.
2013 haben meine Frau und ich auf unserer SIM virtuell gemeinsam mit vielen Freunden unsere Verlobung gefeiert. (Ja, natürlich auch in echt!) Kurz vorher, im Juli des selben Jahres hatten wir Ataria in Kreativdorf umbenennen lassen. Seit dem haben sich befreundete Künstler, Musiker und Schriftsteller hier niedergelassen. Im Augenblick haben rund 15 von ihnen gemeinsam mit uns im Dorf ihre virtuelle Heimat gefunden.
Wir alle finden es sehr schade, dass wir das Dorf jetzt aufgeben müssen. Das aber trotzdem mit einem guten Gefühl, denn:
Unsere Community ist nicht daran zerbrochen, dass wir uns zerstritten hätten. Die Sache mit dem sozialen Miteinander haben wir signifikant besser hingekriegt als viele andere.
Es hat in Kreativdorf über  drei Jahre hinweg unter den Nachbarn keine Konflikte, ja nicht mal Diskussionen gegeben. Und das trotz teilweise chaotischer Einteilung der Parzellen und der Tatsache, dass viele Bewohner nicht mal Kontrolle über den Stream auf ihrem Land hatten. (Was übrigens nur an mir lag und nicht an der SIM-Ownerin!)
In einem gewöhnlichen deutschen Schrebergartenverein wäre unter diesen Umständen in weniger als 90 Minuten ein Atomkrieg ausgebrochen.
Bei uns macht jeder irgendwie lieber sein Ding und fühlt sich wohl dabei in einem Cyberdörfchen, das zeitweilig belebter wirkt als manche der großen digitalen Metropolen. Ich glaube, uns umweht ein Hauch von digitaler Kommune Eins. Nur in sympathisch.
Es macht mir immer großen Spaß, durch unser Dörfchen zu marschieren und den Nachbarn über die Schulter zu schauen. Cyber-Galier gegen Kleingärtnermentalität. Ich bin begeistert, wenn Wilfried Virtuell Monat für Monat seine Schreibgruppe moderiert. Die gedeiht ganz prächtig in der Kreativdorf-Freilandhaltung. Die meisten Gruppen dieser Art überleben nicht mehr als fünf Termine.
Ich werfe gern einen verschmitzten Blick auf Moewes Bauplätze. Emsig wie sie ist, entstehen bei ihr ständig neue Installationen. Aber da sind natürlich auch noch Kjs, Daruma, Dea, Moewe, Petka, Sina und Xirana mit ihren Galerien.
Von Barlok ganz zu schweigen, der wie immer gerade antike Ruinen, Horrorhäuser, Raumstationen, Klöster oder Apokalypsen bastelt – als Bühne für die nächste Lesung.
Natürlich gibt es auch noch Schriftsteller bei uns. Wilfried, den ich gerade schon erwähnt habe, Sabine Schäfers und Jan-Tobias Kitzel. Übrigens kann man während NaNoWriMo in Sabines alias Joeys Café fast täglich Autoren antreffen, die dort gemeinsam schreiben. Mela Eckenfels schaut dann öfter mal rein.
Alle Bewohner des Kreativdorfs haben sich gestern versammelt, um gemeinsam über die Zukunft unseres Projektes zu beraten. Dabei konnten wir eindeutig feststellen, dass alle die Gemeinschaft erhalten möchten und dazu sogar bereit sind, etwas größere Parzellen zu mieten als bisher. Wie es konkret weitergeht, will ich jetzt noch nicht verraten. Nur zwei Informationen:
Erstens: Das FdL findet zum angekündigten Termin statt.
Zweitens: Das Kreativdorf verschwindet nicht endgültig aus SecondLife.
Ihr könnt uns allerdings helfen, wenn ihr selber Kreative seid und euch gern auf Kreativdorf niederlassen möchtet, oder jemanden kennt, der zu uns passen würde. Oder wenn ihr einfach nur Spaß daran habt, permanent Leute wie uns um euch zu haben. Wir können nämlich noch Mitbewohner gebrauchen.
Die Lesungen von Sandra Baumgärtner und Anja Bagus am kommenden Samstag finden selbstverständlich statt.
Nur werden sie leider auch einen Abschied für uns bedeuten. Denn in etwas mehr als einer Woche wird der Moment kommen, an dem das alte Kreativdorf sich in eine leere Fläche auf dem digitalen Ozean verwandelt...
Aber keine Sorge, auf eins kann man sich verlassen: Wir Dorfler sind alle noch da und ziemlich schwer zu übersehen. 

Stelarc 2010 bei seinem Auftritt auf Ataria später Kreativdorf.

Plakat zu Moewes Ausstellung "Vom Schwanken der Sanduhr". Für Moewe äußerst erfolgreich.

Eines der vielen Treffen der Schreibgruppe. Bild: Markus Gersting
Sabines Lesung vor Joeys Café beim FdL 2015. Bild: BukTom Bloch
Alex Jahnke liest live bei uns im Bühnenbild von Barlok Barbosa.
NaNoWriMo-Autoren schreiben  live bei Joey im Cafe. Bild: Markus Gersting

Kommentare:

  1. Och schade, auch wenn ich selten bei euch war, aber ich habe die Atmosphäre im Dorf immer sehr genossen.

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  2. Ich kann das Gemeinschaftsgefühl und das "Zuhause-sein" gut verstehen, mir geht es so ähnlich (wenn auch unter ganz andren Voraussetzungen) so mit Bay-City. Dann werde ich noch mal fix vorbeigucken.... Bevor alles weg ist!

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