Mittwoch, 14. September 2016

Es interessiert sich also niemand mehr für Lesungen? Das nehme ich anders wahr...



Die „Welt“ widmete sich gestern dem Thema Literaturlesungen. Man behauptet dort, Lesungen seien ein veraltetes und noch dazu bizarres „Ritual“, an dem niemand mehr Freude hätte. Weder die Leser, oder in diesem Fall eben Zuhörer, noch die Autoren selbst. Vielmehr sei der Auftritt vor Publikum für die schreibende Zunft ein notwendiges Übel, um den eigenen Lebensunterhalt zu sichern.
Sind wir darüber überrascht, dass dass die Vorlesekunst in erlauchten literarischen Kreisen als quälende Pflichtübung zum Broterwerb gesehen wird?
Nein, wir sind es nicht.
In der Quersumme liest sich der besagte Artikel für mich wie das längst fällige Eingeständnis, dass man den Literaturbrei, den man gern zu hypen pflegt, selbst schon längst nicht mehr ertragen kann.
Natürlich sind begnadete Schriftsteller oft grauenhafte Stimminterpreten des eigenen Werkes und selbstverständlich eignet sich manch literarisches Zusammentreffen eher dazu, siebzig nur zum Schein geneigte Zuhörer in Kryostase zu versetzen.
Das trifft aber nur dann zu, wenn weder Vortragender noch Zuhörer Freude am dargebotenen Textausstoß haben.
Ich selbst lese wahnsinnig gern vor. Mir macht es nicht einfach nur Freude, wehrlosen Zuhörern zehn Minuten ihrer Lebenszeit zu nehmen, indem ich ihnen einen Auszug einer meiner Kurzgeschichten wie ein Papierkotelett an die Backe texte. Mir macht es genau so viel Spaß, die Geschichten und Romanauszüge von Kollegen zu lesen, ihre Figuren, nicht nur zu sprechen, sondern für diese zehn oder zwanzig Minuten zu sein. So gut ich das eben hinkriege.
Ich mache das gern live auf der echten Bühne und mit genau soviel Hingabe im virtuellen Raum und dabei fällt mir doch eines auf:
Wenn Lesungen niemanden mehr interessieren, wieso kommen trotzdem Leute? Bei uns kann niemand seine teure Garderobe vorführen oder sich als Hochliteraturkenner in Szene setzen, sind doch viele Besucher anonym unterwegs. Nein, diese Zuhörer kommen, weil sie Lesungen hören wollen, aus Büchern, die sie oft bereits gekauft und gelesen haben.
Und die Autoren selbst wollen auch vorlesen. Es macht ihnen Spaß, es inspiriert sie, es ist das Feedback, das sie nur durch Lesen von Rezis nie bekommen und manche bauen sogar Gesangssolos ein, nicht wahr Horus Odenthal? So eine Lesung hat der Autor des oben genannten Artikel vermutlich nie erlebt.
Für mich ist Vorlesen wie ein Comedyauftritt, nein, fast schon ein gefühltes Gitarrensolo. Man ist ist aufgeregt, hat Lampenfieber, und es kribbelt. Kribbelt es nicht, dann bist du zu gelassen und wirst dich verhaspeln. Nein, es soll schon minutiös alles so ablaufen, wie du die Szene, egal ob du sie selbst geschrieben, oder nur gelesen hast, gefühlt hast. Und wenn dann alles so funktioniert, wie Du es für dich stimmlich choreographiert hast, dann erlebst du diesen kleinen oder großen Kick, als wenn du doch endlich Gitarrist deiner eigenen Rockband bist. Wärst du doch nur nicht zu faul zum Üben gewesen.
Vorlesen ist Rock`n Roll, wenn man es richtig angeht. Keiner zeigt uns das so gut wie die Poetry Slammer. Wie sehr ich sie doch schätze, für das, was sie uns darüber beibringen, was wir aus Stimme, Sprachgefühl und einem zusammengefalteten Zettel aus der Tasche an unserem Hinter herausholen können. Poetry Slammer sind beim Vorlesen Sänger und Leadgitarristen in Personalunion. Sie bringen einen Saal zum Kochen und das Publikum zum Toben als One Man Heavy Metal Rock Show.
Das können Lesungen auch, wenn man es versucht, wenn man sich vom fixen Ritual trennt, nur die eine gehypte Flachpfeife lesen zu lassen, die danach wahrscheinlich zwanzig Therapiesitzungen braucht, um sich von den weder entrückten, noch entzückten, sondern komatösen Gesichtern unter vor der Bühne zu erholen. Loriot hat uns in Pappa ante Portas doch so wundervoll gezeigt, wie eine Lesung nicht wirken sollte. Von oben herab, emotionslos, desinteressiert am Publikum und nur dazu gedacht, einem überbwerteten Schreiber Gage für den öffentlichen Verdauungsvorgang seines Mittagessens zu bezahlen.
Lest mit mehreren Leuten, lest wie ein Hörspiel, gebt alles, baut ein bisschen Performance mit ein und macht die Lesung zu eurem Rockevent! Auf der Holzbühne oder virtuell wie die Brennenden Buchstaben.
Dann hat sogar der Typ von der Zeitung wieder Spaß dran.

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen